EinleitungWissen als Bewegung
Es gibt Wissen, das man besitzen kann, und es gibt Wissen, das erst zu wirken beginnt, wenn man es weitergibt. Zwischen diesen beiden Zuständen verläuft eine der beständigsten Linien der mythischen Vorstellungskraft: Das Wissen wohnt irgendwo oben, im Zentrum, bei den Göttern, bei den Hütern des Gesetzes, bei jenen, die die Macht und das Recht haben, Grenzen zu ziehen. Dann tritt ein Mittler auf. Er erlangt Zugang zu dem, was verschlossen war, und trägt es über die Grenze – zu den Menschen, in eine andere Stadt, in eine andere Welt, in die Materie, ins Bewusstsein. Danach lässt sich die alte Ordnung nicht mehr vollständig wiederherstellen.
Diese Struktur zeigt sich in den unterschiedlichsten mythologischen Überlieferungen: in den sumerischen Erzählungen von Inanna, in der biblischen Geschichte Evas, in den Gestalten Persephones, Sophias und Prometheus'. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die zentrale Rolle spiele hier eine weibliche Figur – und tatsächlich sind viele Mittlerinnen zwischen den Welten Frauen. Doch je genauer man diese Gestalten nebeneinanderlegt, desto deutlicher wird: Die tiefere Figur ist nicht die Frau als solche, sondern der Mittler – jener oder jene, die das Monopol auf eine Ressource brechen, eine Grenze überschreiten und einen neuen Zustand der Welt möglich machen.
Dabei erweist sich Wissen nicht als bloße Information. Es wird zum Ereignis. In vielen Mythen verändert die Weitergabe des Wissens nicht nur die Welt, sondern auch den Wissenden selbst: Das Kosten der verbotenen Frucht, der Abstieg in eine andere Welt, Tod und Wiederkehr, das Hineintragen des Lichts in die Materie – all das ist keine Mitteilung über die Wirklichkeit, sondern eine Erfahrung, nach der man nicht mehr derselbe bleiben kann. Deshalb steht im Mittelpunkt dieses Essays nicht die Frage nach der Herkunft einzelner Mythen, sondern die Frage nach einer wiederkehrenden Struktur, die so verschiedene Erzählungen unerwartet zusammenklingen lässt.
Dieser Essay behauptet keine gemeinsame historische Abstammung all dieser Gestalten. Inanna „ist" nicht Eva, Persephone nicht Sophia, und Prometheus ist keine männliche Fassung ein und derselben Göttin. Manche Parallelen ruhen auf historischen Brücken, andere sind vergleichender oder philosophischer Natur. Die Frage lautet daher nicht, woher diese Bilder stammen, sondern warum in so unterschiedlichen Traditionen immer wieder dieselbe Struktur auftaucht: Wer hütet das Wissen, wer trägt es über die Grenze, was geschieht mit der Welt nach dieser Übergabe – und warum erscheint der Mittler so oft als Verletzer der bestehenden Ordnung?
1Wissen als Ressource der Macht
Macht erschöpft sich selten in der Fähigkeit zu befehlen. Sie beruht ebenso auf einem ungleichen Zugang: Der eine weiß, was der andere nicht weiß; der eine verfügt über eine Technik, ein Ritual, eine Schrift, ein Gesetz, eine Karte der Welt oder eine Sprache, ohne die der andere abhängig bleibt. Solange das Wissen an einem Ort gebündelt ist, stützt es die Hierarchie. Sobald es übertragbar wird, beginnt sich die Struktur der Macht selbst zu verschieben.
Hier gilt es, den gewöhnlichen Diebstahl von der Weitergabe des Wissens zu unterscheiden. Stiehlt man einem König ein goldenes Gefäß, ist der König um ein Gefäß ärmer und der Dieb um eines reicher. Erfährt man jedoch das Geheimnis, wie man goldene Gefäße herstellt, und lehrt es alle, verliert der frühere Besitzer nicht sein eigenes Können – er verliert seine Ausschließlichkeit. Die Weitergabe des Wissens vernichtet nicht die Ressource, sondern das Monopol auf sie.
Darum wird die Verletzung der Wissensgrenze in den Mythen von der Macht oft als tieferes Vergehen empfunden als die bloße Aneignung einer Sache. Der Mittler verändert nicht die Menge dessen, was dem Zentrum gehört, sondern die Verteilung der Fähigkeit zu handeln. Aus Sicht des Zentrums ist er ein Frevler. Aus Sicht des Empfängers ein Wohltäter. Gerade dieser Unterschied der Blickwinkel bestimmt das ganze weitere Schicksal des Mittlers.
Der eigentliche Konflikt verläuft daher nicht zwischen Wissen und Unwissen als solchen, sondern zwischen Wissen als Privileg und Wissen als einem Gut, das sich verbreitet.
Das heißt nicht, dass jede Macht an Unwissenheit interessiert wäre. Die Geschichte kennt Staaten, die Schulen, Bibliotheken, Universitäten und allgemeine Bildung geschaffen haben. Die Formel „jede Macht will das Volk im Dunkeln halten" wäre deshalb zu grob.
Doch ein allgemeinerer Mechanismus bleibt bestehen: Eine Macht, die auf ungleich verteiltem Wissen gründet, ist verwundbar, sobald sich dieses Wissen verbreitet. Besteht Abhängigkeit, weil der eine etwas kann und der andere nicht, so verteilt die Belehrung des anderen die Fähigkeit zu handeln neu.
Wissen befreit dabei nicht automatisch und macht den Menschen nicht moralisch besser. Es verringert lediglich eine bestimmte Art von Abhängigkeit. Der Mittler ist darum nicht gefährlich, weil er alle glücklich macht, sondern weil er die bisherige Verteilung der Möglichkeiten unverbindlich werden lässt.
2Wenn Wissen die Welt verändert – wer trägt es?
Wenn Wissen die Ordnung der Welt zu verändern vermag, genügt es nicht, dass es existiert. Es muss den Ort verlassen, an dem es verwahrt wird. Deshalb ist die zentrale Gestalt nicht der Hüter des Wissens, sondern der Mittler – derjenige, der es über die Grenze trägt.
Im sumerischen Mythos von Inanna und Enki tritt dieser Unterschied besonders klar hervor. Enki ist der Gott der Weisheit und Hüter der me – der göttlichen Kräfte, Satzungen und Fähigkeiten, auf denen die Zivilisation ruht. Dazu gehören Handwerk, Schrift, Weisheit, Herrschaft, kultische Ämter, gesellschaftliche Rollen und viele andere Bausteine einer geordneten menschlichen Welt.
Der Besitz der me bedeutet jedoch noch nicht ihre Verbreitung. Das eigentliche Ereignis des Mythos ist nicht das Vorhandensein dieser Kräfte, sondern ihre Bewegung. Inanna erhält die me und bringt sie von Eridu nach Uruk. Was dem göttlichen Zentrum gehörte, wird zum Fundament menschlicher Kultur.
Diese Szene lässt zwei verschiedene Funktionen erkennen.
Enki ist der Speicher.
Inanna ist der Vektor.
Ohne Quelle gäbe es nichts zu tragen. Doch ohne Mittler bliebe das Wissen eingeschlossen. Enki verkörpert die angesammelte Möglichkeit; Inanna verwandelt sie in Bewegung. Das Wissen hört auf, Privileg des Zentrums zu sein, und beginnt, als Kultur zu existieren.
Dieselbe Struktur, nur in einer anderen Überlieferung, zeigt der griechische Mythos von Prometheus. Er bringt den Menschen das Feuer – Sinnbild nicht nur der Wärme, sondern auch des Handwerks, der Technik, menschlicher Kunstfertigkeit. Wie Inanna erschafft auch Prometheus diese Ressource nicht. Er durchbricht die festgelegte Verteilung des Zugangs zu ihr. Danach sind die Menschen andere geworden: Sie gewinnen die Möglichkeit, selbstständig zu handeln, und die einstige Ausschließlichkeit der Götter ist gebrochen.
Diese Struktur ist nicht auf die Welt des Mittelmeers beschränkt. In polynesischen Mythen erringt Maui das Feuer für die Menschen; bei den Völkern Nordamerikas bringt der Rabe das Licht und der Kojote das Feuer. Hier treten männliche Gestalten als Mittler auf, Trickster und Kulturheroen. Das bestätigt: Universal ist nicht das Geschlecht des Mittlers, sondern die Struktur der Übergabe selbst – Zentrum, Grenze, Mittler, Empfänger.
Gerade hier zeigt sich zum ersten Mal der Preis der Vermittlung. Die Weitergabe des Wissens verändert nicht die Menge des vorhandenen Wissens, sondern die Ordnung seiner Verteilung. Deshalb erscheint der Mittler fast zwangsläufig als Frevler aus Sicht des Zentrums und als Wohltäter aus Sicht derer, denen das Wissen zugänglich wird.
3Warum verändert Wissen den Menschen selbst?
Wenn der Mittler das Wissen über die Grenze trägt, stellt sich die nächste Frage: Was geschieht mit dem, der diese Grenze überschreitet? Viele Mythen antworten gleich. Wahres Wissen wird dem Menschen nicht hinzugefügt wie ein weiterer Gegenstand im Inventar. Es verwandelt den Wissenden selbst. Nach einem solchen Wissen kann man nicht in den früheren Zustand zurückkehren, als wäre nichts geschehen.
In der biblischen Erzählung von Eva besteht die Erkenntnis von Gut und Böse schon vor dem Menschen. Sie wird nicht von Eva geschaffen. Sie ist bereits in der von Gott gesetzten Ordnung enthalten und von einem Verbot umgeben. Darum ist der Baum nicht nur ein Baum, sondern auch eine Grenze des Zugangs.
Eva ist die Erste, die diese Grenze in einen Durchgang verwandelt. Sie kostet die Frucht und reicht sie Adam weiter. Das Wissen wird sofort weitergebbar – doch wichtiger noch: Die Augen werden aufgetan. Es entstehen Scham, Unterscheidung, das Bewusstsein der eigenen Nacktheit und eine neue Weise, sich selbst und den anderen zu verstehen. Nach dem Kosten kann der Mensch nicht mehr werden, was er zuvor war. Das Wissen ist keine Mitteilung über die Welt, sondern ein Ereignis, das das Subjekt selbst verwandelt hat.
Dasselbe Prinzip findet sich auch im griechischen Mythos von Persephone, wenn auch anders ausgedrückt. Persephone bringt der Menschheit kein Wissen und ist keine Kulturheldin. Sie selbst wird zu der, die die Grenze durchschreitet. Die Entführung führt sie in die Unterwelt, doch erst das Kosten des Granatapfels macht eine Rückkehr im früheren Sinne unmöglich. Danach existiert die Unterwelt nicht mehr nur außerhalb von ihr. Sie wird Teil ihrer eigenen Erfahrung.
Kore betritt eine andere Welt. Persephone tritt aus ihr hervor – als eine andere. Sie wird zu einem Wesen doppelter Zugehörigkeit: Tochter und Königin, lebendig und mit dem Tod verbunden, zwei Welten zugleich angehörend. Darum ist sie nicht bloß eine Reisende zwischen ihnen, sondern eine lebendige Brücke. Ihr Dasein hält die Möglichkeit des Übergangs selbst offen.
Daraus ergibt sich ein Prinzip, das weit über den Mythos hinausreicht: Der Gang über eine echte Schwelle vernichtet den früheren Menschen nicht, aber er macht es unmöglich, nur noch dieser zu bleiben.
Deshalb lässt sich die Symbolik Persephones auch als Philosophie der reifen Liebe lesen – einer Liebe nicht als Gefühl oder Besitz, sondern als wiederholte freie Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal. Nimmt man jedoch die Liebe aus dieser Konstruktion heraus und behält nur den Mechanismus, entsteht eine Philosophie des Wissens: Schwelle → Erfahrung → Wissen → neues Ich.
Noch radikaler ist dieser Gedanke im sumerischen Mythos von Inannas Abstieg ausgedrückt. An jedem der sieben Tore verliert sie einen Teil ihrer Insignien. Sie erhält kein Wissen über den Tod – sie geht durch den Tod hindurch. Der Unterschied ist grundlegend. Es ist eines, zu wissen, dass es den Tod gibt. Ein anderes ist es, den Raum des Todes zu durchleben und verwandelt zurückzukehren.
Darum stehen Inanna und Persephone nebeneinander – nicht als Zeugnis einer gemeinsamen Herkunft der Erzählungen, sondern als zwei Modelle ein und desselben Vorgangs. In beiden Fällen entsteht Wissen durch Durchschreiten. Es ist das Ergebnis einer Grenzüberschreitung, nach der der Mensch nicht mehr mit seinem früheren Selbst übereinstimmt.
So tritt allmählich eine gemeinsame Struktur hervor. Das Kosten der verbotenen Frucht, der Granatapfel Persephones und die sieben Tore Inannas gehören verschiedenen Überlieferungen an, beschreiben aber ein und denselben Mechanismus. Wahres Wissen lässt sich nicht erlangen, ohne sich zu verändern. Es verlangt einen Übergang – und der Übergang erschafft ein neues Ich.
4Warum kann die Welt nicht vollendet sein?
Haben die bisherigen Mythen gezeigt, wie Wissen eine Grenze überschreitet und den Menschen selbst verwandelt, so überträgt die gnostische Tradition dieselbe Struktur auf die Ordnung des Kosmos. Hier geht es nicht mehr um das Schicksal eines einzelnen Helden, sondern um das Schicksal der Welt selbst.
In den gnostischen Systemen gehört Sophia – die Weisheit – der höchsten göttlichen Wirklichkeit an. Durch ihr Wirken entstehen die niedere Ordnung und der Demiurg. In manchen Texten ist es Sophia, die das Licht in die Materie hineinträgt.
Man darf die verschiedenen gnostischen Schulen nicht zu einer einheitlichen Lehre verschmelzen. Ihre Kosmologien unterscheiden sich. Für unser philosophisches Modell genügt jedoch eine wiederkehrende Struktur: Etwas, das der höchsten Fülle angehört, gelangt in eine Welt, die es aus ihrer eigenen geschlossenen Ordnung heraus nicht hervorbringen könnte.
Sophia ist hier nicht bloß Besitzerin der Weisheit, sondern Mittlerin.
Das Pleroma besitzt das Licht.
Sophia macht die Gegenwart des Lichts unten möglich.
Gerade deshalb wird Gnosis möglich – das Wissen um die eigene Herkunft und die Einsicht, dass der sichtbare Kosmos die Wirklichkeit nicht erschöpft. Die Gnosis zerstört die Welt nicht. Sie zerstört nur deren Anspruch auf Endgültigkeit.
In diesem Licht erscheint auch die Gestalt des Demiurgen anders. Philosophisch reizvoller ist es, in ihm nicht einen „bösen Gott" zu sehen, sondern das Prinzip der Form. Er erschafft den Kosmos, setzt Ordnung, macht Dasein möglich. Ohne Form könnte die Welt nicht bestehen.
Das Problem entsteht nicht in der Schöpfung selbst, sondern in dem Augenblick, in dem die geschaffene Form sich für endgültig erklärt. Der Satz „Ich bin Gott, und es gibt keinen anderen" wird weniger zu einer ethischen als zu einer metaphysischen Aussage: Das geschaffene System hält sich für die ganze Wirklichkeit.
Darum ist Sophia nicht die Gegenspielerin des Demiurgen, sondern das Prinzip der Öffnung. Sie vernichtet die Form nicht. Sie erinnert daran, dass keine Form das Sein erschöpft.
Daraus ergibt sich eine philosophische Formel:
Der Demiurg erschafft die Form.
Sophia öffnet die Form.
Oder anders:
Der Demiurg gibt dem Dasein Gestalt.
Sophia bewahrt dem Dasein die Möglichkeit, weiterzugehen.
Dabei ist eines zu betonen: Verwandlung ist nicht dasselbe wie Verbesserung. Die Mythen versprechen nicht, dass das Neue besser sein wird als das Alte. Eva gewinnt Erkenntnis – und verliert Eden. Inanna steigt hinab – und stirbt. Persephone wird zu einem Wesen zweier Welten – um den Preis des Bruchs mit Kores Unschuld. Verwandlung verbürgt kein Glück. Sie verbürgt nur eines: Die frühere Form ist nicht länger die einzig mögliche.
Doch gerade hier tut sich ein Paradox auf, das sich durch fast alle betrachteten Mythen zieht. Wer die Möglichkeit des Weitergehens bringt, verletzt zugleich die Abgeschlossenheit der bestehenden Ordnung. Wo der eine Befreiung sieht, sieht der andere Bedrohung. Wo der eine einen neuen Raum des Seins entdeckt, erblickt der andere die Zerstörung der gesetzten Welt.
Warum also erweist sich der Mittler, der die Möglichkeit des Neuen eröffnet, fast immer als schuldig?
5Warum zahlt der Mittler?
Wenn Wissen die Verteilung der Macht verändert und der Mittler derjenige ist, der es über die Grenze trägt, stellt sich die nächste Frage: Warum ist diese Gestalt in fast allen Überlieferungen mit Strafe, Verbannung oder Dämonisierung verbunden?
Um darauf zu antworten, müssen wir noch einmal zwei Funktionen unterscheiden, die sich durch den ganzen Essay ziehen.
Das Zentrum bündelt.
Der Mittler verbreitet.
Das Zentrum zieht die Grenze.
Der Mittler überschreitet sie.
Ohne Zentrum lässt sich Wissen nicht bewahren. Ohne Mittler hört es auf zu leben. Lebendiges Wissen unterscheidet sich nicht durch seinen Umfang, sondern durch seine Bewegung. Wissen, das man angehäuft, weggeschlossen und für endgültig erklärt hat, gleicht dem Hort, auf dem Fafnir liegt: Es ist da – doch es gebiert nichts mehr.
Darum entbrennt der Konflikt nicht um das Wissen selbst, sondern um das Recht, darüber zu verfügen. Der Mittler verletzt kein Naturgesetz, sondern eine festgelegte Ordnung des Zugangs. Er macht zugänglich, was zuvor wenigen gehörte oder ganz verschlossen war.
Deshalb nimmt der Preis der Vermittlung in den verschiedenen mythologischen Überlieferungen unterschiedliche Gestalten an.
Prometheus wird tatsächlich dafür bestraft, dass er den Menschen das Feuer brachte – Sinnbild des Handwerks, der Technik und menschlicher Kunstfertigkeit.
Eva wird zur Beteiligten an der Übertretung des göttlichen Verbots und tritt in eine Geschichte der Vertreibung ein, die einen neuen Abschnitt menschlichen Daseins eröffnet.
Inanna wird in der Geschichte der me nicht im strengen Sinne bestraft. Enki versucht, die übergebenen Kräfte zurückzuholen, doch der Mythos endet mit der Anerkennung einer neuen Ordnung, in der das Wissen seinen ursprünglichen Speicher bereits verlassen hat.
In all diesen Fällen wiederholt sich dieselbe Struktur: Der Mittler verändert die Verteilung des Wissens – und mit ihr die Verteilung der Möglichkeiten.
Das erlaubt eine genauere Fassung der allgemeinen Schlussfolgerung.
Der Mittler wird nicht zwangsläufig bestraft und nicht zwangsläufig zur dämonischen Gestalt. Doch wer die festgelegte Ordnung des Zugangs zu einer heiligen Ressource verletzt, erscheint fast unvermeidlich als Frevler in den Augen jener Macht, die diese Ordnung bestimmt.
Der Preis der Vermittlung kann verschiedene Formen annehmen: körperliche Strafe, Verbannung, moralische Verurteilung, die Verwandlung in einen Trickster, einen Ketzer oder eine spätere dämonische Gestalt. Sein Sinn aber bleibt derselbe. Die Weitergabe des Wissens bricht das Monopol – und der Bruch eines Monopols wird von der Macht selten als Segen empfunden.
Darum existiert ein und derselbe Mittler fast immer zugleich in zwei entgegengesetzten Urteilen.
Für das Zentrum ein Frevler.
Für jene, die das Wissen empfangen, ein Wohltäter.
Gerade in dieser doppelten Stellung liegt die Tragik des Mittlers. Er gehört keiner der beiden Seiten ganz an. Er verbindet die Welten, steht aber selbst zwischen ihnen. Und vielleicht kehrt die Gestalt des Mittlers gerade deshalb in Mythen, Religionen und Philosophie immer wieder – als notwendige Bedingung jeder echten Veränderung.
6Die weibliche Linie und das Modell der Geburt
Man kann vermuten, warum die alte Kultur das Vermitteln so oft in einem weiblichen Bild verschlüsselte. Die Struktur der Wissensweitergabe gleicht auf erstaunliche Weise der Struktur der Geburt. Für neues Leben braucht es den Beitrag des Mannes – ohne ihn ist Geburt unmöglich. Doch der Beitrag allein ist noch kein Kind. Er muss aufgenommen, ausgetragen, verwandelt werden – und diese lange Arbeit der Verwandlung leistet die Frau. Erst dann entsteht ein Drittes: ein neues Wesen, das die Eigenschaften der Quelle wie der Trägerin in sich trägt und doch mit keiner von beiden zusammenfällt.
Die Quelle gibt die Möglichkeit.
Der Mittler nimmt auf und verwandelt.
Der Empfänger wird neu.
Der Mittler trägt Wissen nicht einfach wie eine Last von einem Ort zum anderen. Er überreicht dem Empfänger keinen Sack fertiger Wahrheiten mit den Worten: „Hier, bitte schön." Er deutet, übersetzt, zeigt, wie man mit diesem Wissen lebt. Inanna bringt die me nicht bloß nach Uruk – sie macht sie zum Teil städtischen Lebens. Prometheus überlässt nicht einfach das Feuer – mit ihm kommen das Handwerk und die Kunst, es zu gebrauchen.
Darum trägt der Empfänger die Spur beider in sich: dessen, woher das Wissen kam, und dessen, durch den es hindurchging. Wissen, das einen Mittler durchlaufen hat, ist bereits gefärbt von seinem Verständnis, seiner Sprache, seiner Erfahrung. Und eben deshalb ist neues Wissen niemals bloß eine Kopie des ursprünglichen.
Dies ist keine biologische Theorie männlichen und weiblichen Wesens, sondern eine Erklärung dafür, warum der weibliche Körper der alten Kultur ein so naheliegendes Modell des Übergangs bot – von der verborgenen Möglichkeit zu einer neuen Gestalt des Lebens.
7Leben als Bewegung und geistiger Tod als Stillstand
Wenn der Gang über die Grenze, das Erlangen von Wissen und die Verwandlung eine Rückkehr in den früheren Zustand unmöglich machen, dann bestimmt sich das Leben nicht durch Beständigkeit, sondern durch die Fähigkeit, weiter zu werden.
In diesem Verständnis ist der geistige Tod nicht das körperliche Ende des Daseins. Er ist der Stillstand der eigenen Bewegung. Keine Pause, keine Rast und kein vorübergehender Zustand der Ruhe, sondern eine innere Entscheidung: „Ich bin vollendet; ich kann nichts mehr werden."
Diese Formel führt uns zum Demiurgen zurück. Seine Tragik liegt in der Geschlossenheit: Er erschafft eine Welt und hält das Geschaffene für alles Mögliche. Er fragt nicht mehr, was jenseits seines eigenen Gebäudes liegt.
Sophia hingegen ist das Prinzip, dass die Grenze nicht endgültig ist. Sie verspricht kein Glück, verbessert die Welt nicht zwangsläufig und hebt die Form nicht auf. Sie bewahrt die Möglichkeit des Anderen.
Darum ist das Gegenteil des Lebens nicht die Zerstörung, sondern die Endgültigkeit. Zerstörung kann Teil der Bewegung sein. Endgültigkeit sagt: Es wird keine Bewegung mehr geben.
Dasselbe geschieht auch zwischen Menschen. Beziehungen sterben nicht, wenn in ihnen Veränderung aufkommt, sondern wenn einer seine Form für endgültig erklärt und dasselbe vom anderen verlangt. Wo die eine Seite weiter wird und die andere mit Kontrolle antwortet, hört die Grenze auf, Schwelle zu sein, und wird zum Käfig.
Das Leben lässt sich nicht als gerade Linie des Fortschritts denken, sondern als Kreislauf: Schöpfung → Beständigkeit → das Hinzutreten des Neuen → Krise der alten Form → Verwandlung → neue Form → neue Öffnung. In diesem Kreislauf gibt es keine Gewähr der Verbesserung. Es gibt nur die Unmöglichkeit endgültiger Erstarrung.
8Wissen als Geburt eines neuen Subjekts
Nun wird verständlicher, warum sich die Bilder von Wissen, Geburt und Übergang so leicht miteinander verbinden.
Lebendiges Wissen wird nicht wie ein unveränderlicher Gegenstand von einem Bewusstsein zum anderen getragen. Es tritt in die Erfahrung eines anderen Menschen ein, begegnet ihr – und bringt dabei keine Kopie seiner selbst hervor, sondern einen neuen Zustand des Subjekts.
Wissen gleicht der Geburt daher nicht, weil es zwangsläufig von einer Frau gebracht würde, sondern weil der Vorgang selbst dieselbe Struktur hat:
- 1etwas wird übergeben;
- 2etwas wird angenommen;
- 3das Angenommene wird verwandelt;
- 4es entsteht, was es zuvor nicht gab.
Deshalb lässt sich Wissen nicht auf das Anhäufen von Kenntnissen reduzieren. Es wird zum Ereignis.
So geschieht es mit Eva: Nach dem Kosten entsteht eine neue menschliche Weise des Bewusstseins.
So geschieht es mit Inanna: Nach der Übertragung der me entsteht ein neues Zentrum zivilisatorischer Ordnung.
So geschieht es mit Persephone: Nach dem Durchschreiten der Grenze entsteht ein Wesen zweier Welten.
So geschieht es mit Prometheus: Nach dem Empfang des Feuers entsteht ein Mensch mit einer anderen Fähigkeit zu handeln.
Und so geschieht es in der gnostischen Tradition: Nach der Gnosis kann der Mensch nicht mehr ganz im alten Bild der Welt leben.
In all diesen Fällen erweist sich Wissen nicht als Mitteilung, sondern als Geburt eines neuen Subjekts.
9Licht über die Grenze
Am Anfang dieses Essays stand die Frage: Warum ist Wissen in so vielen Mythen mit Übergang, Verbot und der Gestalt des Mittlers verbunden?
Die Antwort hat sich als vielschichtiger erwiesen als der einfache Gegensatz „der Mann bewahrt, die Frau gibt weiter".
Gewiss, in der nahöstlichen und mediterranen Überlieferung sind weibliche Gestalten auffallend oft Trägerinnen des Übergangs. Inanna bringt die me und durchschreitet sieben Tore. Eva verwandelt verbotenes Wissen in menschliche Erfahrung. Persephone wird zur Verbindung zwischen Leben und Tod. Sophia trägt das Licht in die niedere Wirklichkeit.
Doch Prometheus – und viele andere Kulturheroen – zeigen, dass die Gestalt des Mittlers tiefer reicht als jeder Unterschied der Geschlechter.
Seine Aufgabe ist es, das Verschlossene dorthin zu tragen, wo es noch nicht existierte.
Dafür zahlt er nicht selten – mit Strafe, Verbannung, dem Stigma des Frevlers oder, in anderen geschichtlichen Prozessen, mit Dämonisierung. Nicht weil der Mittler zwangsläufig gut und die Macht zwangsläufig böse wäre. Die Weitergabe des Wissens verändert die Ordnung. Sie bricht das Monopol und macht eine neue Verteilung der Fähigkeiten möglich.
Doch die wichtigste Einsicht liegt noch tiefer.
Wissen lebt nur, solange es sich bewegt.
Darum erweisen sich der Demiurg und Sophia im hier vorgeschlagenen philosophischen Modell nicht als moralische Gegensätze, sondern als zwei einander ergänzende Prinzipien.
Der Demiurg erschafft die Form.
Sophia öffnet sie.
Der Demiurg sagt zum Dasein: „Werde etwas."
Sophia antwortet: „Du kannst ein anderes werden."
Gerade zwischen diesen beiden Bewegungen liegt das Leben.
Verwandlung ist nicht dasselbe wie Verbesserung. Sie kann schmerzhaft sein, zerstörerisch und unumkehrbar. Doch gerade sie bewahrt die Möglichkeit des Werdens.
Darum beginnt der geistige Tod nicht dann, wenn der Mensch aufhört, Neues zu erfahren. Er beginnt, wenn der Mensch seine eigene Form für endgültig erklärt und nicht länger zulässt, dass Wissen ihn selbst verwandeln könnte.
Leben ist kein Zustand der Vollkommenheit.
Leben ist die Fähigkeit, weiter zu werden.
Und in diesem Sinne ist das Licht nicht dazu da, besessen zu werden.
Es ist da, um die Grenze zu überschreiten.