Eine Frau in dunklem Umhang steht von hinten gesehen in einem steinernen Tor. In der offenen Hand hält sie einen geöffneten, leuchtenden Granatapfel. Links liegt die dunkle Unterwelt mit stillem Wasser, rechts blüht ein Frühlingsgarten im Morgenlicht.
Titelbild: KI-generiert mit Canva

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Persephone

Die Philosophie der reifen Liebe. Der Mythos von Persephone und Hades, neu gelesen: nicht als Geschichte einer Entführung, sondern als Geschichte einer Liebe, die im Unmöglichen ihren Anfang nimmt.

Liebe ist weder Gefühl noch Besitz.

Liebe ist die tägliche freie Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal –

ohne die Persönlichkeit des anderen zu zerstören.

EinleitungDie antiken Quellen

Wenn wir den Mythos von Persephone hören, entstehen meist zwei vertraute Bilder. Das erste ist die tragische Geschichte einer jungen Frau, die von Hades geraubt und in die Unterwelt entführt wird. Das zweite erzählt von der Verwandlung der jungen Kore in die mächtige Königin der Unterwelt. Diese beiden Deutungen prägen bis heute sowohl die populäre Kultur als auch die moderne Psychologie. Doch ist der antike Mythos tatsächlich so eindeutig?

Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir uns nicht den modernen Nacherzählungen zuwenden, sondern den ursprünglichen Quellen. Die wichtigste von ihnen ist der Homerische Hymnus an Demeter. Hier wird zum ersten Mal ausführlich von der Entführung Persephones, von Demeters Trauer und von der Entstehung einer neuen kosmischen Ordnung berichtet, nach der Persephone einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter und den anderen Teil bei ihrem Gemahl in der Unterwelt verbringt. Spätere Autoren wie Apollodor, Ovid, Hyginus, Claudian und viele andere greifen diesen Stoff erneut auf. Dennoch bleibt der Homerische Hymnus das Fundament der gesamten späteren Überlieferung.

Liest man ihn aufmerksam, zeigt sich etwas Erstaunliches. Der Mythos lässt weit mehr Raum für Interpretation, als gemeinhin angenommen wird. Ja, Persephone wird geraubt. Ja, sie wird von ihrer Mutter getrennt. Ja, darin liegt eine Tragödie. Doch gerade danach beginnt der Mythos zu schweigen. Und in diesem Schweigen liegen bemerkenswerte Möglichkeiten.

Nirgendwo sagt Persephone, dass sie Hades hasst. Als Hermes kommt, um sie zurückzuführen, versucht Hades nicht, sie mit Gewalt festzuhalten. Nach ihrer Rückkehr erscheint sie niemals mehr als Gefangene. Stattdessen begegnet sie uns als rechtmäßige Königin der Unterwelt, die gemeinsam mit Hades herrscht und eigenständig handelt. All dies beweist nicht, dass Persephone ihr Schicksal bewusst gewählt hat. Aber ebenso wenig schließt der Mythos eine solche Möglichkeit aus. Gerade in diesen Leerstellen eröffnet sich der Raum für eine neue philosophische Interpretation.

Dieses Essay versucht nicht, den antiken Mythos umzuschreiben. Es lädt vielmehr dazu ein, ihn neu zu lesen.

Nicht als Geschichte einer Entführung.

Sondern als die Geschichte einer Liebe, die im Unmöglichen ihren Anfang nimmt.

1Persephone und Hades

Bevor wir über die Liebe zwischen Persephone und Hades sprechen können, müssen wir verstehen, wer sie waren, bevor sich ihre Wege kreuzten.

Persephone trägt ursprünglich den Namen Kore – „die Jungfrau“, „die Tochter“. Sie existiert zunächst vor allem als Tochter der Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit. Ihre Gestalt besitzt kaum eine eigene Biografie. Sie verkörpert den Frühling, die Jugend, das noch ungelebte Leben – das Versprechen einer Zukunft, die erst beginnt.

Hades ist einer der drei Brüder, die nach dem Sieg über die Titanen die Welt unter sich aufteilen. Zeus erhält den Himmel, Poseidon das Meer und Hades die Unterwelt. Dabei ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Hades in der griechischen Vorstellungswelt keineswegs dem christlichen Teufel entspricht. Er verkörpert nicht das Böse. Seine Aufgabe besteht darin, die Ordnung des Kosmos und das Reich der Toten zu bewahren. Er ist streng, aber gerecht, und er hält sich unbeirrbar an die Gesetze, die die Welt zusammenhalten.

Das düstere Bild des Hades entstand größtenteils erst viel später unter dem Einfluss des christlichen Denkens, in dem das Reich der Toten mit dem absoluten Bösen gleichgesetzt wurde. Für die Griechen hingegen war die Unterwelt kein Gegenpol zum Kosmos, sondern ein unverzichtbarer Teil von ihm.

Gerade deshalb beginnt diese Geschichte so überraschend: Ein Gott, der sich nur selten in die Angelegenheiten des Olymps einmischt, verliebt sich. In allen maßgeblichen antiken Quellen geht die Entscheidung, Persephone zu entführen, von Hades selbst aus – allerdings mit der Zustimmung des Zeus. Für den heutigen Leser bleibt dies zweifellos ein Akt der Gewalt, und diese Tatsache darf nicht beschönigt werden.

Doch nach der Entführung verliert der Mythos seine scheinbare Eindeutigkeit. Die antiken Quellen schildern Hades nicht als einen Herrscher, der Persephone fortwährend mit Grausamkeit begegnet. Im Gegenteil: Nach und nach erscheint sie nicht mehr als Gefangene, sondern als rechtmäßige Königin der Unterwelt, die die Herrschaft gemeinsam mit ihm ausübt.

Genau hier öffnet sich der Raum für eine neue Deutung. Vielleicht erzählt der Mythos nicht nur von einer Entführung. Vielleicht erzählt er zugleich von der langsamen Entstehung einer Liebe – einer Liebe, die aus einem Ereignis hervorgeht, das sich nicht rechtfertigen lässt, das jedoch im Denken der antiken Mythologie einen anderen Bedeutungsraum besitzt.

Dieses Essay versucht nicht, die Entführung zu entschuldigen. Es stellt vielmehr eine andere Frage:

Kann Liebe dort entstehen, wo sie am Anfang noch nicht existierte?

Und wenn ja – was geschieht in dem Moment, in dem Freiheit zur Wahl möglich wird?

2 · Die Symbole des MythosDer Granatapfel

Die Symbolsprache des Mythos

Ein Mythos erzählt niemals nur durch Ereignisse. Seine eigentliche Sprache sind die Symbole. Sie ermöglichen es, dass dieselbe Geschichte in jeder Epoche neue Bedeutungen entfaltet. Wenn die Handlung die Frage beantwortet: »Was ist geschehen?«, dann beantwortet das Symbol eine tiefere Frage: »Was bedeutet es?«

Im Mythos von Persephone wird jedes zentrale Bild zum Symbol eines inneren menschlichen Weges. Deshalb lohnt es sich, bevor wir über die Psychologie und Philosophie der Liebe sprechen, zunächst die Symbolsprache des Mythos selbst genauer zu betrachten.

Die Frucht der unumkehrbaren Entscheidung

In allen antiken Überlieferungen sind es die Kerne des Granatapfels, die Persephones Rückkehr in die Unterwelt unausweichlich machen. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Quellen kaum etwas darüber sagen, warum sie diese Kerne überhaupt isst. Im Homerischen Hymnus an Demeter erfahren wir lediglich, dass Hades ihr einen süßen Granatapfelkern reicht. Genau an dieser Stelle beginnt der Raum für eine neue Deutung.

Traditionell wird diese Szene als List des Hades verstanden. Doch der Text beschreibt keine Gewalt in dem Augenblick, in dem Persephone den Kern annimmt. Stattdessen schweigt er. Und Schweigen schafft Raum für Interpretation.

Betrachten wir den Granatapfel nicht als Falle, sondern als Symbol, verändert sich seine Bedeutung grundlegend. Der Kern wird nicht länger zum Zeichen der Gefangenschaft. Er wird zum Symbol einer Entscheidung. Einer Entscheidung, die nicht rückgängig gemacht werden kann.

Jede wirkliche Liebe trägt genau diese Eigenschaft in sich. Vor der Liebe lebt ein Mensch allein sein eigenes Leben. Nach der Liebe wird das Schicksal eines anderen Menschen untrennbar mit dem eigenen verbunden. Die Freiheit geht dadurch nicht verloren. Doch eine Rückkehr zu dem Menschen, der man zuvor war, ist nicht mehr möglich. So wird der Granatapfel nicht zur Frucht der Abhängigkeit, sondern zur Frucht der Verantwortung.

Immer wieder wird eine Verbindung zwischen dem Granatapfel und der biblischen verbotenen Frucht hergestellt. Obwohl das Buch Genesis die Frucht selbst niemals benennt, erscheint sie in der westlichen Kunsttradition häufig als Granatapfel – als Symbol der Erkenntnis, der Verwandlung und eines unumkehrbaren Übergangs. Diese Verbindung gehört zwar nicht zum griechischen Mythos. Dennoch macht sie eine universelle Wahrheit sichtbar: Es gibt Entscheidungen, nach denen ein Mensch niemals mehr derselbe sein kann.

In dieser Deutung entscheidet sich Persephone nicht für die Unterwelt. Sie entscheidet sich für die Liebe. Und damit zugleich für ein gemeinsames Schicksal. So wird der Granatapfelkern zum ersten Symbol reifer Liebe.

Liebe beginnt nicht mit Besitz.

Sie beginnt mit der freiwilligen Annahme der Konsequenzen der eigenen Entscheidung.

3 · Die Symbole des MythosDie Jahreszeiten

Die wohl bekannteste Deutung des Persephone-Mythos erklärt die Entstehung der Jahreszeiten. Wenn Persephone zu Demeter zurückkehrt, beginnt die Erde zu blühen. Wenn sie zu Hades hinabsteigt, trauert Demeter, und der Winter hält Einzug. So wird der Mythos gewöhnlich verstanden.

Doch vielleicht erzählen die Jahreszeiten nicht nur von der Natur. Vielleicht erzählen sie von der Liebe.

Unsere moderne Kultur vermittelt uns häufig das Bild, wahre Liebe müsse beständig sein – beständig glücklich, beständig nah, beständig erfüllt von Leidenschaft. Jede Phase der Distanz oder des emotionalen Rückzugs wird schnell als Zeichen dafür gedeutet, dass die Liebe erloschen sei.

Der Mythos von Persephone erzählt eine andere Geschichte. Selbst die tiefste Liebe kennt nicht nur eine einzige Jahreszeit. Sie atmet. Sie kennt ihre eigenen Frühlinge und ihre eigenen Winter. Ihre Zeiten der Begegnung und ihre Zeiten der Trennung. Ihre Zeiten der Fülle und ihre Zeiten des Wartens.

Persephone weiß, dass sie wieder gehen wird.

Hades weiß, dass er wieder warten wird.

Demeter weiß, dass sie sich erneut verabschieden muss.

Keiner von ihnen lebt in der Illusion ewigen Besitzes. Jeder kennt den Preis der Liebe. Und dennoch nimmt jeder diesen Kreislauf immer wieder aufs Neue an. Nicht weil er dazu verurteilt wäre. Sondern weil die Liebe stärker ist als der Wunsch, dem Schmerz zu entkommen.

In diesem Sinn hören die Jahreszeiten auf, bloß ein Kalender zu sein. Sie werden zum inneren Rhythmus des Menschen.

Vielleicht ist sogar das Wort »Rückkehr« nicht ganz treffend. Persephone kehrt nicht einfach zurück. Sie entscheidet sich, erneut zu kommen. Und darin liegt ein entscheidender Unterschied.

Zurückkehren bedeutet, an einen Ort zu gelangen, den man bereits kennt.

Erneut zu kommen bedeutet, den Weg noch einmal bewusst zu wählen.

Liebe ist keine einzige große Entscheidung, die ein Mensch nur einmal im Leben trifft. Liebe ist die Kunst, sich immer wieder füreinander zu entscheiden. Immer wieder die Tür zu öffnen. Immer wieder die Entfernung zu überwinden. Immer wieder das gemeinsame Schicksal zu wählen.

Deshalb existiert Liebe nicht trotz der Zeit. Sie wird selbst zur Zeit. Zu einer Zeit, die sich nicht geradlinig bewegt, sondern in Kreisläufen zurückkehrt. Und jeder neue Kreis ist keine bloße Wiederholung. Er ist eine neue Bestätigung jener Entscheidung, die einst in Freiheit getroffen wurde.

4 · Die Symbole des MythosDer Weg

Wenn der Granatapfel zum Symbol der Entscheidung wird und die Jahreszeiten zum Symbol der Zeit, dann wird der Weg zum Symbol der Liebe selbst.

Fast alle großen Liebesgeschichten enden mit demselben Traum – für immer zusammenzubleiben. Die Geschichte von Persephone erzählt etwas anderes. Sie endet nicht. Sie setzt sich fort. Denn hier ist Liebe kein Ort. Liebe ist ein Weg.

Persephone gehört zu zwei Welten. Und doch gehört sie keiner von beiden vollständig an. Ihr Leben entfaltet sich zwischen ihnen. Gerade dieses Dazwischen wird gewöhnlich als Tragödie verstanden. Vielleicht aber ist genau dieses Dazwischen der eigentliche Raum der Liebe.

Wir stellen uns Liebe oft als ein Ziel vor. Endlich haben wir einander gefunden. Endlich sind wir zusammen. Nun können wir aufhören zu gehen. Doch Liebe existiert niemals im Stillstand. Sie verlangt immer wieder nach Bewegung. Nicht weil zwei Menschen einander fern sind. Sondern weil jeder Mensch eine eigene Welt ist. Die Entfernung zwischen zwei Welten lässt sich niemals ein für alle Mal überwinden. Sie muss immer wieder neu zurückgelegt werden.

Deshalb ist Liebe kein Ereignis. Sie ist ein Weg. Jedes Gespräch. Jede Versöhnung. Jeder Versuch zu verstehen. Jedes Warten. Jede Rückkehr. Jeder einzelne Schritt ist ein neuer Schritt aufeinander zu.

Das Erstaunlichste daran ist, dass beide diesen Weg gehen. Persephone geht ihn mit ihren Schritten. Hades geht ihn durch sein Warten.

Sie bewegt sich.

Er wartet.

Doch beide halten den Weg offen.

Deshalb ist das wahre Gegenteil der Liebe nicht die Entfernung. Nicht einmal die Trennung. Das wahre Gegenteil der Liebe ist der Moment, in dem der Weg nicht mehr existiert. Wenn ein Mensch nicht länger bereit ist, dem anderen entgegenzugehen. Wenn er aufhört zu warten. Wenn er aufhört, die Tür zu öffnen.

Liebe ist nicht der Ort, an dem sich zwei Menschen begegnen.

Liebe ist der Raum des Übergangs, in dem zwei Menschen sich immer wieder frei dafür entscheiden, aufeinander zuzugehen, ohne dabei weder sich selbst noch den anderen zu verlieren.

Solange dieser Weg offen bleibt, bleibt auch die Liebe lebendig.

5 · Die Symbole des MythosDie Schwelle

Alle bisherigen Symbole des Mythos – der Granatapfel, die Jahreszeiten und der Weg – verbindet ein gemeinsames Element. Sie alle existieren nur durch den Übergang. Ohne ihn gäbe es weder Liebe noch Trennung, weder Abschied noch Wiederkehr. Deshalb ist das eigentliche Symbol dieses Mythos weder die Unterwelt noch die Welt der Lebenden. Sein zentrales Symbol ist die Grenze zwischen beiden. Die Schwelle.

Wir nehmen Schwellen nur selten bewusst wahr. Wir sehen die Räume, die Häuser, die Städte. Doch erst die Schwelle entscheidet darüber, ob wir dort bleiben, wo wir immer gewesen sind, oder ob wir in ein neues Leben eintreten. Jede bedeutende Entscheidung beginnt an einer Schwelle. Eine Schwelle zu überschreiten bedeutet, den Menschen hinter sich zu lassen, der man einmal war. Nicht, ihn zu verleugnen. Sondern aufzuhören, nur dieser Mensch zu sein.

Persephone wird zur Einzigen, die sich frei zwischen den beiden Welten bewegen kann. Doch ihre Gabe besteht nicht allein darin, sowohl unter den Lebenden als auch unter den Toten zu leben. Ihre eigentliche Gabe besteht darin, die Schwelle immer wieder neu zu überschreiten. Ohne zu fliehen. Ohne die Verbindung zu einer der beiden Welten abzubrechen.

Jeder Übergang verlangt Mut. Denn wer eine Schwelle überschreitet, weiß niemals mit Gewissheit, wer er auf der anderen Seite sein wird. Auch die Liebe beginnt mit einer Schwelle. Nicht mit einem Geständnis. Nicht mit einem Kuss. Nicht mit einer Hochzeit. Sondern mit der inneren Entscheidung, die Grenzen der eigenen Welt zu überschreiten.

Vor der Liebe gibt es nur das »Ich«.

Mit der Liebe entsteht das »Wir«.

Doch reife Liebe zerstört das Ich nicht. Sie erweitert es so weit, dass darin ein anderer Mensch seinen Platz finden kann. Liebe lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann diese Schwelle für einen anderen überschreiten. Dieser Schritt bleibt immer eine freie Entscheidung. Und gerade deshalb ist er von unschätzbarem Wert.

Vielleicht lässt sich Persephones Weg genauso verstehen. Sie lebt nicht gleichzeitig in zwei Welten. Sie entscheidet sich vielmehr immer wieder neu, zwischen ihnen hinüberzugehen. Jedes Mal von Neuem. Jedes Mal aus freiem Willen. Liebe existiert nicht nur im Augenblick der ersten Begegnung. Sie wird jedes Mal neu geboren, wenn ein Mensch sich erneut entscheidet, diese innere Schwelle zu überschreiten.

Liebe ist der Mut, immer wieder den Weg auf den anderen zuzugehen –

ohne die eigene Welt oder die Welt des geliebten Menschen zu zerstören.

6Der Archetyp der reifen Liebe

Nachdem sich der Mythos durch seine Symbole erschlossen hat, stellt sich die entscheidende Frage: Welcher Archetyp entsteht aus dieser Geschichte?

Traditionell wird Persephone als Archetyp des Opfers verstanden – als junge Frau, die ihre Unschuld verliert, oder als Sinnbild einer gespaltenen Persönlichkeit, die dazu verurteilt ist, zwischen zwei Welten zu leben. Doch es ist auch eine andere Deutung möglich. In dieser Interpretation wird Persephone zum Archetyp der reifen Liebe. Nicht der Liebe als Gefühl. Sondern der Liebe als freie, bewusste Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue bestätigt wird.

Alle Symbole des Mythos fügen sich zu einer einzigen philosophischen Sichtweise zusammen.

  1. Der Granatapfelspricht von der Unumkehrbarkeit einer Entscheidung.
  2. Die Jahreszeitenerinnern daran, dass Liebe im Rhythmus von Begegnung, Warten und Wiederkehr lebt.
  3. Der Wegzeigt, dass Liebe kein Zustand ist, sondern eine fortwährende Bewegung aufeinander zu.
  4. Die Schwellewird zum Symbol der Freiheit, denn niemand kann sie anstelle eines anderen überschreiten.

Aus diesen Symbolen entsteht ein neuer Archetyp. Liebe bedeutet nicht Besitz. Nicht Selbstaufgabe. Nicht den Verzicht auf das eigene Leben. Sie wird zur freiwilligen Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal.

Persephone gibt keine ihrer beiden Welten auf. Sie hört niemals auf, die Tochter der Demeter zu sein. Ebenso wenig hört sie auf, die Königin der Unterwelt zu sein. Auch Hades versucht nicht, die Ordnung der Welt zu zerstören. Er akzeptiert den Entschluss des Zeus und lässt Persephone gehen, obwohl dies für ihn lange Zeiten des Wartens bedeutet. Beide nehmen die Grenzen der Welt an. Doch keiner von ihnen verzichtet auf den anderen.

Gerade deshalb bedeutet reife Liebe nicht einfach, sich einmal füreinander zu entscheiden. Einen Menschen kann man nur einmal wählen. Liebe aber ist die tägliche Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal – ohne die eigene Welt oder die Welt des geliebten Menschen zu zerstören. Ohne sich selbst aufzugeben. Ohne den anderen besitzen zu wollen. Ohne das Unmögliche zu verlangen. Sondern indem man sich immer wieder neu entscheidet, die innere Schwelle aufeinander zu zu überschreiten.

Liebe ist nicht der Ort, an dem sich zwei Menschen begegnen. Liebe ist der Raum des Übergangs, in dem zwei Menschen sich immer wieder frei dafür entscheiden, aufeinander zuzugehen, ohne dabei sich selbst oder den anderen zu zerstören.

Vielleicht wird Persephone gerade deshalb nicht zum Archetyp eines geteilten Lebens,

sondern zum Archetyp eines geteilten Schicksals.

Nicht eines Schicksals, das dem Menschen die Freiheit nimmt. Sondern eines Schicksals, das zwei Menschen immer wieder neu und aus freiem Willen gemeinsam wählen.

7Die Psychologie des modernen Menschen

Warum berührt ein Mythos, der mehr als zweieinhalbtausend Jahre alt ist, den modernen Menschen noch immer? Vielleicht deshalb, weil er in Wahrheit nicht von den Göttern erzählt. Er erzählt von uns.

Die moderne Kultur hält uns oft zwei gegensätzliche Vorstellungen von Liebe vor. Die erste versteht Liebe als vollständige Verschmelzung, in der zwei Menschen zu einem einzigen Ganzen werden sollen. Die zweite erhebt absolute Unabhängigkeit zum Ideal und betrachtet jede Form von Bindung als Bedrohung persönlicher Freiheit.

Beide Extreme erweisen sich als untragfähig. Das erste führt zur allmählichen Auflösung der eigenen Persönlichkeit und schließlich zum Verlust des Selbst. Das zweite macht es nahezu unmöglich, das eigene Leben wirklich mit einem anderen Menschen zu teilen.

Die neue Deutung des Persephone-Archetyps eröffnet einen dritten Weg. Liebe verlangt nicht nach der Auflösung aller Grenzen. Doch sie lässt den Menschen auch nicht unverändert. Sie wird zur freiwilligen Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal.

Deshalb bleibt Persephone nicht nur die Tochter der Demeter. Und dennoch hört sie niemals auf, ihre Tochter zu sein. Sie wird zur Königin der Unterwelt. Doch sie verliert niemals ihre Verbindung zur Welt der Lebenden. Sie bewahrt beide Welten, weil reife Liebe das frühere Leben eines Menschen nicht zerstört. Sie erweitert es.

Dasselbe gilt für Hades. Er hält Persephone nicht um jeden Preis fest. Er akzeptiert die Ordnung der Welt. Er weiß, dass Liebe ohne Freiheit nicht bestehen kann. Darum entscheidet er sich für das Warten statt für den Besitz. Gerade darin liegt vielleicht die größte Aktualität dieses Mythos.

Wir haben uns daran gewöhnt, Beziehungen nach der Zeit zu beurteilen, die zwei Menschen miteinander verbringen.

Doch Liebe misst sich nicht an der Zahl gemeinsamer Tage.

Sie misst sich an der Zahl der Rückkehren.

Jedes Mal, wenn ein Mensch sich erneut entscheidet, dem anderen wirklich zuzuhören. Jedes Mal, wenn sich eine Tür wieder öffnet. Jedes Mal, wenn ein neuer Schritt auf den anderen zu getan wird. Jedes Mal, wenn die innere Schwelle erneut überschritten wird.

Deshalb bedeutet Liebe nicht einfach, sich einmal füreinander zu entscheiden. Einen Menschen kann man einmal wählen. Liebe aber ist die tägliche Entscheidung für ein gemeinsames Schicksal. Ohne die eigene Welt zu zerstören. Ohne die Welt des geliebten Menschen zu zerstören. Ohne Besitz. Ohne Selbstaufgabe. Sondern indem zwei Menschen denselben Weg weitergehen – selbst dann, wenn dieser Weg zeitweise durch verschiedene Welten führt.

Vielleicht liegt genau darin die tiefste Bedeutung dieser neuen Deutung des Persephone-Archetyps. Sie erinnert uns daran, dass reife Liebe nicht das Versprechen ist, sich niemals zu trennen.

Reife Liebe ist die Fähigkeit,

immer wieder aus freiem Willen zueinander zurückzukehren.

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© Maschunya. Veröffentlicht auf digc.media mit Zustimmung der Autorin.